Gedanken zur Kastrationspflicht

Streuner1Seit Ende letzten Jahres gilt in Hessen die Verordnung zur Kastrations- und Registrierungspflicht für Katzen. Eine gute Nachricht für den Tierschutz und das aus ganz verschiedenen Gründen. Die ganze Geschichte hat aber auch den einen oder anderen Haken, der in den Kommentaren von Politik und Tierschutzorganisationen zwar durchklingt, aber leider nicht wirklich ernsthaft diskutiert wird.

So freut sich laut Extra Tip vom 29.03.2015 die tierschutzpolitische Sprecherin der grünen Rathausfraktion, dass Kassel nun grünes Licht habe, „die neue Rechtsgrundlage im Bundestierschutzgesetz zu nutzen und endlich Maßnahmen zum Schutz freilebender Katzen zu ergreifen.“ Tatsächlich zeigt die Tatsache, dass die Kastration und Registrierung von Freigängerkatzen in Hessisch Lichtenau bereits seit Oktober 2012 Plicht ist, dass es hierfür eher politischen Willens denn der landeshessischen Verordnung bedurft hätte. Straßenkatzen18Hessisch Lichtenau ist allerdings auch ein Beispiel dafür, wieviel der politische und sogar mit Verwarnungsgeldern bewehrte Tierschutzwille Wert ist. Dort nämlich lässt sich diese Pflicht – wie in den meisten ländlichen Regionen – faktisch nicht durchsetzen. Das liegt, so kann ich aus eigener Erfahrung sagen, nicht nur an den oft bemängelten personellen Kontrollkapazitäten. Vielmehr spielen hier – sehr diplomatisch formuliert – kulturelle Besonderheiten dörflicher Sozialstrukturen und bäuerlicher Mentalitäten eine Rolle, die die Tierschützer, die versuchen, das Recht auch praktisch durchzusetzen, nicht nur scheitern, sondern im Einzelfall auch einem enormen sozialen Druck bis hin zur Ausgrenzung ausgesetzt sein lassen.

Haken und Ösen

Was wäre eine Diskussion um Tier- und Bürgerrechte ohne eine Debatte um das liebe Geld. Mir ist nicht bekannt, dass das landeshessische Kabinett seine Verordnung mit den zur Umsetzung notwendigen finanziellen Mitteln ausgestattet hätte. Und so macht mal wieder die Diskussion darüber die Runde, wer die Kosten der Kastration und Kennzeichnung von Katzen zu übernehmen habe. Eigentlich ist es klar: Zunächst einmal der Besitzer des Katzentieres, denn er hat mit der „Anschaffung“ auch die Verantwortung für seinen Schmusetiger übernommen. Drei Dinge machen es jedoch ein wenig komplizierter. Nicht jede wild herumlaufende Hauskatze hat einen Besitzer (oder er lässt sich nicht ermitteln). Nicht jeder, der sich um frei herumlaufende Katzen kümmert, kann die Kosten aufbringen. Und angesichts zunehmender Armut in unserem Lande kann auch nicht jeder verantwortungsvolle Katzenbesitzer die nun gesetzlich vorgeschriebenen zusätzlichen Belastungen tragen.

Tierschutz muss für jeden leistbar sein

Aus diesem Grunde bietet Karsten Plücker von der Kasseler Wau-Mau-Insel an, Katzen auch kostenlos zu kastrieren, während Dieter Büchling von der Katzenhilfe Guxhagen laut Extra Tip erwartet, dass Katzenhalter eben in einem anderen Bereich sparen und die Kosten in jedem Fall tragen sollen. Die Autorin des Beitrags, Laura-Madlein Scharpen, versteigt sich sogar zu der Aussage: „Wer knapp bei Kasse ist, sollte sich erst gar kein Tier anschaffen.“ Ich denke allerdings, dass auch arme Menschen ein Recht auf ein Haustier haben sollten – zumindest hat sich unsere Gesellschaft noch nicht offiziell von den demokratischen Prinzipien abgewandt und zu einem Ständestaat zurückentwickelt. Verantwortungsvolle und artgerechte Haltung hat schließlich zunächst einmal nichts mit dem Geldbeutel, sondern mit der Einstellung zu tun.

Tierschutzfaktoren Herz und Verstand

Straßenkatzen4Viele Menschen sind zudem nicht arm geboren, sondern durch persönliche Umstände oder Ereignisse, die sie nicht zu verantorten haben „knapp bei Kasse“. Knapp bei Kasse sind übrigens auch viele der Menschen, die den Tierschutz durch ehrenamtliche Arbeit unterstützen. Beispielsweise durch Versorgung wilder Hauskatzen oder Pflegestellen oder die Aufnahme hilfebedürftiger Streunerkatzen, weil die Tierheime keine mehr aufnehmen können. Die gleichen die knappe Kasse durch Herz und Verstand mehr als aus und verdienen – ebenso wie arme Menschen, die Tieren ein verantwortungsvolles und artgerechtes Zuhause bieten wollen – jede Unterstützung. Die unbelehrbaren Kastrationsverweigerer finden sich übrigens recht selten unter jenen Menschen, die „knapp bei Kasse“ sind, sondern in erster Linie bei den weniger armen Mitgliedern der oben angeprochenen dörflichen Sozialstrukturen.

Es gibt noch viel zu tun

Ungeachtet der Frage, ab welchem Einkommen jemand das Recht hat, sich ein Haustier zu leisten, ließe sich nach Herzenslust und mit einer gewissen Berechtigung darüber diskutieren, inwieweit Haustierhaltung und -produktion just zum Vergnügen der Menschen ethisch überhaupt vertretbar ist. Man könnte darüber diskutieren, ob nicht ebenfalls Gesetze zum Verbot der Herstellung und des Vertriebs krankheitsfördernden Tierfuttes im Sinne des Tierschutzes sein könnten und es gäbe noch viele, viele Gedanken, die konsequent zuende gedacht, zu gravierenden Einschränkungen der Haustierhaltung führen könnten. Die pauschale Unterstellung, wer knapp bei Kasse sei, habe kein Verantwortungsbewusstein (natürlich gibts das auch), gehört sicherlich nicht dazu.

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